2012 BNE - Jahresthema Ernährung
"Kein Ende der globalen Hungerkrise in Sicht", "Klimawandel verschärft den Hunger", "Die Finanzmarktkrise und der Hunger in der Welt" - Diese Meldungen aus den letzten Jahren machen deutlich, wie viele Aspekte bei der Sichtung des Themas "Welternährung" neu zu überdenken sind. Stichworte wie "Das globale Huhn", "Der globale Süden im Ausverkauf - landgrabbing" zeigen zudem, dass es zu Beginn des 2 .Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts immer mehr darum gehen wird, über den europäischen Tellerrand hinaus zu blicken. Mit dem Blick durch die globale Brille sind wir heute in der Lage, z.B. Informationen über Anbau- und Arbeitsbedingungen in den Weltländern zu erhalten, unser eigenes Konsum- und Ernährungsverhalten zu hinterfragen, um danach auch notwendige Konsequenzen ziehen zu können. Die Bekämpfung des Hungers hat seit Jahrzehnten auf dem Papier weltweit einen hohen Stellenwert. So vereinbarten 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen im September 2000 als erstes von 8 Millenniumsentwicklungszielen "den Anteil der Weltbevölkerung, der unter extremer Armut und Hunger leidet, (zu) halbieren." Doch dieses Ziel wird die Weltgemeinschaft bis zum Jahre 2015 nicht erreichen.
Laut der Welternährungsorganisation (FAO) litten 2009 - erstmals seit 1970 - wieder mehr als eine Milliarde Menschen an Hunger. Das sind mehr als 12 mal die Bevölkerungzahl Deutschlands. 1 Milliarde Hungernde bedeuten 1 Milliarde Schicksale von Menschen, die um ihre tägliche Mahlzeit kämpfen, die vertrieben werden von ihrem angestammten Platz, die mächtigen Kräften wie Bulldozern und Planatgenbesitzern weichen müssen, denen die Lebensgrundlagen entzogen werden. Das grundsätzlichste ihrer Menschenrechte, das Recht auf Nahrung, wird Tag für Tag mit Füßen getreten.
Die Gründe für den erneuten Anstieg der Zahl der Hungernden sind vielseitig: neben Krieg, Regierungsversagen, Klimawandel mit Fluten, Dürren, Bodenerosion und Bodendegration ist "infolge der globalisierten, wild wütenden Kapitalmärkte eine Weltordnung entstanden, die den Lebensinteressen der großen Mehrheit zuwiderläuft. Dieser tägliche, stille Völkermord geschieht auf einem Planeten, der von Reichtum überquillt..." (Jean Ziegler, ehemaliger UNO-Sonderberichterstatter). Der Luxemburger UN-Botschafter Jean Feyder, seit 2007 WTO-Vorsitzender des Komitees für die am wenigsten entwickelten Länder der Welt - oft auch "die Vierte Welt" genannt - und seit 2009 Präsident der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung", sieht für diesen Hungerskandal ein System verantwortlich, das in der Hauptsache den Finanz- und Wirtschaftsinteressen des Nordens zuspielt. (s. Feyder, Mordhunger, 2011, westend-Verlag). Zunehmend tauchen in den Medien Begriffe wie Landgrabbing, Spekulation mit Rohstoffen, Frankenstein-Industrie auf, die erklärt werden wollen, damit Ursachen benannt und Wege für eine gerechte Welt erarbeitet werden können. "Es gibt keinen einzigen volkswirtschaftlichen oder gar humanitären Grund, warum es Finanzinvestoren erlaubt sein sollte in Grundnahrungs-mittel zu investieren." (Dirk Müller, "Mister Dax" in "Unschuldsmythen – Wie die Nahrungsmittelspekulation den Hunger anheizt" (misereor 2011)
Europa ist heute nicht in der Lage sich selbst zu ernähren: das Defizit beträgt 35 Millionen Hektar - doppelt so viel wie die gesamte Agrarfläche Deutschlands. Der größte Teil davon geht in die Fleischproduktion und immer mehr in den Anbau zur Herstellung von Agrotreibstoffen. Unser System der Lebensmittelproduktion und ihres Konsums ist weder nachhaltig noch effizient. Deshalb gestatten Sie uns einen
Blick nach innen
"Dagegen bedeutet `Ernährungsproblem´ in den hochentwickelten Ländern: Was ist zu tun, damit Übergewicht, insbesondere bei den Kindern, gestoppt werden kann? ... Wie lange leistet sich diese Gesellschaft den Skandal..., dass bis zu 50 Prozent aller Nahrungsmittel in den hochentwickelten Ländern weggeworfen (werden)." (Klaus Töpfer, Vorwort Handbuch Welternährung" 2011).
In vielen neueren Manifesten und Leitbildern lesen wir: Nachhaltige Ernährung ist umweltfreundlich, gesundheitsfördernd, sozialverträglich und alltagsadäquat. (s. Projektgruppe Gesunde Ernährung im Rahmen der NH-Strategie Baden-Württembergs). Dabei wird es immer offensicht-licher, dass die Vermittlung von an Zukunftsfähigkeit orientierten Kompetenzen systematisch noch stärker in alle Bildungseinrichtungen - von den Plänen für kommunale Kinderbetreuungseinrichtungen bis zu den Studienordnungen der Universitäten und Hochschulen - implementiert werden muss. Es gilt auch hier die Blicke zu öffnen und zu weiten, denn nachhaltige Ernährung ist immer weniger "eine reine Privatsache".
Die Diskussionen der letzten Jahre anläsllich der großen Kinoerfolge von "we feed the world", "taste the waste" u.a. machen Mut und zeigen auf, dass immer mehr VerbraucherInnen - auch vor allem junge - Verantwortung für sich und andere übernehmen wollen. Sie vergessen dabei nicht:
Die Uhr tickt gegen die Menschen in den Hungerländer - denn immer noch stirbt alle 6 Sekunden ein Kind.
Während weltweit Millionen Kinder, Frauen und Männer hungern, sind derzeit Regierungsvertreter aus Mosambik, Äthiopien, Sudan und Kambodscha sehr beschäftigt. Milliardenschwere Gäste geben sich seit Monaten die Klinke in die Hand: Chinesische Wirtschaftsvertreter, Agrarexperten aus Kuwait, schwedische Konzernmanager und englische Investmentbanker. Die Besucher kommen aus den unterschied-lichsten Regionen der Welt, aber sie wollen alle das Gleiche: Ackerland. Wegen des Zusammenbruchs der Finanzmärkte sind die Hedgefonds und andere Groß-Spekulanten auf Agrarrohstoffbörsen umgestiegen. Mit Termingeschäften, Futures, etc. treiben sie die Grundnahrungsmittelpreise in astromische Höhen. Getreide, Reis und Mais sind zu Spielbällen der Spekulanten weltweit geworden. So kostet die Tonne Getreide heute auf dem Weltmarkt 270 Euro. Ihr Preis lag im Jahr zuvor genau bei der Hälfte. (Jean Ziegler in "Die ungehaltene Rede" Salzburg 2011).
"Zu glauben, diese Entwicklung könnte uns bei gleichbleibender, ungerechter Verteilung des Reichtums egal sein, wäre äußerst naiv. Wenn wir durch unser Benehmen diesen Bevölkerungen die letzte Hoffnung auf ein besseres, ein menschenwürdiges Leben nehmen, dürfen wir nicht erwarten, dass ihre Hoffnungslosigkeit ohne Konsequenzen auf unser eigenes Leben bleibt. Wenn auch nur zehn Prozent der 1,5 Milliarden, welche 2020 auf dem afrikanischen Kontinent leben werden, sich in Bewegung setzen, steht Europa vor riesigen Herausforderungen" ( Jean- Claude Junker im Vorwort zu "Mordshunger").
"Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet" (Jean Ziegler).
Wie wird Hunger gemacht? Wie kommt der Hunger in die Welt? Warum haben 75 Prozent der 1,3 Milliarden Menschen, die unsere Nahrungsmittel herstellen, nicht genug zu essen? Was haben europäische Tomaten damit zu tun? Ist es wahr, dass 90 Prozent der Lebensmittel in Deutschland von nur sechs großen Supermarktketten verkauft werden? Und wie hängt mein Barcelona-Urlaub mit dem Wassermangel in Burkina Faso zusammen? Solche und andere Fragen von kleinen und großen Menschen verlangen nach Antworten, neue Begriffe wie "landgrabbing" nach Erklärungen, um das verstehen und kompetent handeln zu können.
Dazu sollen die folgenden Materialien, Links und Medien beitragen. Denn alle Experten der UN, der FAO, der NGOs wissen: "Ein-Weiter-so" kann es nicht geben, zumal ermutigende Entwürfe realisierbarer Gegenmodelle weltweit vorliegen.
Aktuelle Ergänzung Januar 2013:
Die Heinrich-Böll-Stiftung, der BUND e.V. und le monde diplomatique haben einen Atlas der besonderen Art veröffentlicht: den Fleisch-Atlas - Schauen Sie hier hinein und Sie werden die Welt möglicherweise mit anderen Augen betrachten!